Insidervortrag

10. Februar 2026

18:00 Uhr Insidervortrag: Prof. Dr. Gisela Pauli Caldas: Feldstudien bei den Menkü Zentralbrasiliens

RJM Köln Bibliothek

Unter echten Menschen – Feldstudien bei den Menkü Zentralbrasiliens

Vortrag von Prof. Dr. Gisela Pauli Caldas

In diesem Vortrag zeichne ich meine Feldstudien bei der indigenen Gruppe der Menkü Zentralbrasiliens nach – dort, wo der tropische Regenwald in die Regenwald Savanne Mato Grossos übergeht. Die Menkü lebten bis zu ihrem Kontakt 1971 isoliert, betrieben traditionelle Subsistenz-Landwirtschaft sowie Jagen und Sammeln. Wie konnte eine so kleine Gruppe ihre isolierte Sprache und eigene Wirtschaft, Kultur, Sozialstruktur und religiöse Praktiken aufrechterhalten und welche spezifische Rolle spiel(t)en Frauen dabei? Durch unsere unterschiedlichen Forschungs-Perspektiven, Fragestellungen und Erfahrungen war es meinem Mann und mir im Feld möglich, zu verstehen, wie die jeweiligen Sphären der Frauen und Männer zusammenwirken, um im Sinne der Menkü ‚echtes‘ Essen und ‚echte‘ Menschen zu erschaffen. Beides, so soll gezeigt werden, ist existentiell für das Überleben. Es ist abhängig von der Vergemeinschaftung sozialer Beziehungen unter den Lebenden, ihrer Vorfahren und der natürlichen Umwelt. Beides impliziert jedoch auch ein umfassendes Wissen über den seit Jahrtausenden bewirtschafteten und kultivierten Amazonas Wald, durch welches die Dichotomie zwischen Natur und Kultur außer Kraft gesetzt wird.

Durch die Linse Sebastiao Salgados werden uns in der AMAZONAS Ausstellung Menschen verschiedener indigener Gruppen in ihrer Schönheit aber auch Direktheit nahegebracht. Durch die Begegnung mit den Menkü eröffnen sich andere – de-koloniale - Perspektiven auf den umstrittenen Raum: Der europäisch geprägte, nostalgisch verklärende Stereotyp einer unberührten, bestechenden und gleichzeitig bedrohlichen Natur mit den in ihr lebenden wilden, primitiven, Menschen und ihrem rettungsbedürftigen Ökosystem steht der Realität der Menkügegenüber. Die Menkü sind Überlebende – der traditionellen Mission, der Konfrontation mit Gummizapfern, des Kontakts mit westlichen Krankheiten wie Grippe und Gelbfieber, sowie kriegerischen Auseinandersetzungen mit ihren indigenen Nachbarn. 30 Jahre nach den Feldstudien zählen sie heute 160 Personen und müssen sich den Herausforderungen und Chancen, die Internet, staatliche Sozialhilfe und andere ökonomische Verlockungen bieten, stellen. So geht es in diesem Vortrag nicht nur um einen Einblick in das Leben mit den Menkü, sondern auch um eine Sicht auf den Amazonas Regenwald als eine Kulturlandschaft, die nur durch das höchst differenzierte Wissen und soziale Praktiken in dieser Vielfalt durch die indigenen Menschen Amazoniens lebendig gehalten wird.

Welche Erkenntnisse kann man aus der Tatsache ableiten, dass die Menkü zusammen mit den anderen, aktuell knapp 400 indigenen Gruppen des Amazonas-Beckens, von denen ca. 190 unkontaktiertsind (und bleiben wollen), noch leben, obwohl sie die Zeitenwende von der Steinzeit bis zur digitalen, vernetzten Gegenwart innerhalb weniger Jahrzehnte durchlebt haben? Welche Botschaften für einen nachhaltigen Umgang mit dem Regenwald können wir gewinnen? Wie verändern diese Erkenntnisse unsere Sicht auf den Amazonas? Zum Nachdenken über diese Fragen möchte der Vortrag anregen und einen Eindruck von dem Leben mit der indigenen Gruppe der Menkü als Familie bestehend aus einem Agrarwissenschaftler, einer Anthropologin und zwei Töchtern geben. Wer sind ‚echte‘ Menschen und was sind ihre Perspektiven heute?

Gisela Pauli Caldas hat Philosophie, Vergleichende Religionswissenschaften und Germanistik in Tübingen und Berlin studiert und ihren Master of Science in Sozialanthropologie an der London School of Economics abgelegt. Sie wurde bei Joanna Overing am Lehrstuhl für die Anthropologie Tiefland Amazoniens in St. Andrews, Schottland, über Geschlechterkomplementarität bei den Menkü Zentralbrasiliens promoviert. Sie ist heute Professorin für Ethik und Soziologie an der Hochschule für Polizei und Öffentliche Verwaltung, NRW, hat fünf erwachsene Kinder und lebt mir ihrem Mann, Tadeu Caldas in Köln.

Text: Gisela Pauli Caldas

Treffpunkt: 17:45 Uhr Bibliothek RJM

Dauer: 1,5 Stunden

Kosten: 5 € für Mitglieder, 10 € für Gäste

Anmeldung: info@rjmkoeln.de

Bitte überweisen Sie den Betrag bis spätestens eine Woche vor der Veranstaltung auf das Vereinskonto der Museumsgesellschaft RJM e.V. bei der Sparkasse KölnBonn IBAN DE76 3705 0198 0004 3220 46

Stornierungen sind bis 7 Tage vor der Veranstaltung kostenlos, danach sind Anmeldungen nicht mehr stornierbar.

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